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Der Poor-Rich-Look von Tomas Maier
18.07.2016
Tomas Maier © Collier Schorr

Tomas Maier © Collier Schorr

Der Poor-Rich-Look von Tomas Maier

18.07.2016

Es war Tom Ford, der 2001 bei Tomas Maier anrief, ob er den Posten des Kreativchefs beim Traditionsunternehmen Bottega Veneta übernehmen wolle. Tomas Maier sagte zu und stellte die Regeln der Status-Kleidung auf den Kopf: mit zerknitterter Kleidung ohne Logos.


„Ich habe Freunde in der Modeindustrie, die sagen, sie könnten jedem Kleid eine Marke zuordnen, und dann sei da eines, bei dem das nicht gelänge“, erzählt Tomas Maier, macht eine Pause und lächelt. „Und das ist das Bottega-Kleid. Ich finde, das ist ein Kompliment.“

Understatement statt zur Schau getragener Reichtum, beschreibt am besten Tomas Maiers Kundschaft. Er entwirft Kleider von stiller Schönheit und Taschen von höchster Qualität. Sie sind so zurückhaltend gestaltet, dass selbst das geschulte Auge zweimal hinschauen muss, um ihre luxuriöse Herkunft zu erkennen. „Unsere Kunden sind bereits jemand“, erklärt Maier. „Sie brauchen nicht noch irgendeinen Namen, den sie sich auf ihre Fahnen heften können.“

Arme-Reiche-Look

Aber damit nicht genug, Maier bevorzugt, was Andy Warhol einst den „Poor-Rich-Look“ nannte. Also zerknittert der Designer seine Kleider kunstvoll, bevor er sie über den Catwalk schickt. Maiers Erklärung: „Ich mag Dinge, die getragen aussehen, so wirken sie eher als gehörten sie zu der Person. Meine alte Jacke mit den Löchern in den Ärmeln ist viel schöner als die neue. Die ziehe ich nie an.“ Indem der Designer neue Kleider alt aussehen lässt, kann Bottega auch neues Geld alt aussehen lassen: kein Wunder also, dass es sich beim fortgeschrittenen Neureichen steigender Beliebtheit erfreut.

Der Anruf von Tom Ford erreichte den gebürtigen Deutschen in Florida, wo er auch sein eigenes Label betreibt. Bottega Veneta, jene italienische Marke, die lange damit warb, dass die Initialen des Trägers genug seien, war damals an den Punkt gekommen, wo das nicht mehr zu genügen schien. Trotz Skepsis in der Branche beharrte Maier darauf, dass dies auch weiterhin der Fall sei. „Sie werden diese Geldbörsen nie verkaufen, wenn sie kein Logo drauf haben“, erklärten die Verkäufer. Aber Maier lachte die Bedenken weg und konzentrierte sich auf die Kernkompetenz Bottega Venetas: die Ledermanufaktur, die in präziser Handarbeit Taschen flicht. 88 Prozent der Einnahmen kommen heute daher.

Vor dem Tragen abhängen lassen

Für einen Mann, der dafür bezahlt wird, unglaublich teure Produkte zu entwerfen, entpuppt sich Maier in seinem Zugang dazu als überraschend geizig: „Mein Job ist, Kleidung zu einem sehr hohen Preis zu verkaufen. Also mache ich Produkte, die wirklich lange Zeit halten. Das ist meine Art Rechtfertigung dafür, dass ich nicht einfach nur etwas absurd Teures verkaufe.“ Für ihn sei die Konsistenz der Kollektionen wichtiger als der Trend ständig etwas Neues zu ersinnen. Auch darin unterscheidet sich Maier von den meisten seiner Kollegen in der Branche. „Ich treffe keine Modeleute außerhalb der Arbeit“, erklärt Maier. Es überrascht daher auch nicht, dass seine Kunden ebenso wenig wie ihre Kollegen denken. „Die wollen nichts, das schreit: ich bin so, ich kann mir das leisten. Die flüchten eher vor Labels.“ Vielmehr sind Bottega-Kunden geduldig, bevor sie kaufen, kehren sie mehrmals wieder, sondieren die Lage und schlagen dann aber umso kurzentschlossener zu. Und dann lassen sie es zu Hause doch noch einmal abhängen, bevor sie es tragen.

Traben statt Galoppieren

Es ist das Gegenteil von schneller Mode. „Es braucht eben Zeit. Wenn du dir keine Zeit nimmst beim Produzieren, wird es schäbig, schlecht gemacht“, so Maier. Während andere galoppieren, trabt Maier durch den Modezirkus. „Wir haben zwar die selben Zeitvorgaben wie andere, aber wir beginnen damit einfach wesentlich früher. Unser Kreationsprozess durchläuft mehrere Saisonen, sie überlagern sich.“ Vorsprung durch Technik, sozusagen. „Ich bin Deutscher“, sagt Maier, „für mich steht Funktionialität an erster Stelle.“

Abgeschaut hat er sich das im Architekten-Atelier seines Vaters am Rande des Schwarzwaldes. Dazu die Mutter, Tanten und zwei Schwestern und ihre Modeprobleme. „Dauernd waren Frauen um mich herum, die sich mit ihren unterschiedlichen Körpern mit unterschiedlichen Problemen herumschlugen. Das habe ich ununterbrochen gehört“, erzählt Maier. Was er daraus gelernt hat? „Dass man rausfinden muss, was gut für sie ist und ihnen dann genau das geben muss.“ Wer will schon in Kleidern herumrennen, die einschränken? Niemand hat Lust darauf, sich unwohl zu fühlen, die Reichen am allerwenigsten. „Die Leute sollten für ihre Kleidung verantwortlich sein, nicht die Kleidung für die Leute.“

Anna Murphy / The Times / The Interview People

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