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Sofia Coppola: Meine Geburt wurde gefilmt
25.05.2016
Sofia Coppola / iStock

Sofia Coppola / iStock

Sofia Coppola: Meine Geburt wurde gefilmt

25.05.2016

Wer Sofia Coppolas Filme mag, mag auch Interviews mit ihr. Sie sind von ähnlich atmosphärischer Dichte, mit langsamen, kargen und sehnsuchtsvollen Dialogen. Die Regisseurin spricht über ihre Eltern, ihre Arbeiten und über ihr Leben, das von Geburt an dem Film gehörte.


Sie taucht, etwas verspätet im einem stickigen Innenhof eines Pariser Hotels auf, in einem hellblauen, sehr gebügelten Shirt und schwarzen Jeans. Ganz Pariser Chic, wo die Regisseurin lebt. Als Interview-Treffpunkt musste es ein Hotel sein. Von Lost in Translation bis zu ihrem jüngsten Film, A Very Murray Christmas, einem stundenlangen Festival-Special für Netflix, spielten die meisten Schlüsselszenen ihrer Filme in Hotels. „Ich sollte aufhören in Hotels zu drehen“, haucht sie in das Aufnahmegerät, „aber ich bin praktisch in Hotels aufgewachsen. Und sie sind eine eigene kleine Welt, nicht dein echtes Leben. Menschen sind dort in einem Übergangsstadium, und das ist interessanter als Menschen, die sich irgendwo niedergelassen haben. Es versetzt dich in einen Zustand der Reflexion, wenn du den Übergang von einer Phase in die nächste zu verstehen versuchst.“

Coppola ist ein extrem höflicher Mensch. Die 44-jährige Tochter von Francis Ford und Eleanor führt gerne Smalltalk, mit dem Kellner, dem Journalisten, egal mit wem, es gibt ihr Einsicht in ein normales Leben, das sie niemals geführt hat. Für das Netflix-Weihnachts-Special A Very Murray Christmas mit Bill Murray an der Spitze hat sie ihre gesamte Film-Familie engagiert. Angefangen bei Amy Poehler über Chris Rock bis zu Thomas Mars (Frontman der französischen Band Phoenix und Coppolas Ehemann) und Jason Schwartzman, ihrem Cousin. Auch George Clooney schaute vorbei, ebenso wie Miley Cyrus. Diesen Kontakt wiederum verdankt sie ihrer Freundschaft mit Marc Jacobs, für den sie gemodelt hat.

Dreharbeiten im Dschungel

Sie zieht weiter mit ihren Leuten von Film zu Film, im Leben wie in der Arbeit bleibt sie ihnen treu – und macht geschmeidige, ordentliche Filme, wie Träume, aus denen man aufwacht und an die man sich erinnert. 1976 erlebte ihr Vater einen Alptraum. Seine Dreharbeiten zu Apocalypse Now waren begleitet von Taifunen, Krankheiten und aufgedunsenen Schauspielern, was seine Frau hinter den Kulissen filmisch festhielt. 1991 entstand aus dem Material der Dokumentarfilm Hearts of Darkness mit dem Eingeständnis Francis Ford Coppolas: „Wir waren im Dschungel… und Schritt für Schritt wurden wir wahnsinnig.“

Wie denn ein Dokumentarfilm über ihre Dreharbeiten wäre? „Wirklich langweilig“, sagt Coppola und nimmt einen Schluck Lapsang Souchong. „Da gibt es nichts besonders Dramatisches. Ich meine, ich bin ja auch nicht auf den Philippinen, um dort einen Kriegsfilm zu drehen. Da gab es eine Menge Dramen, und mein Vater hat, ziemlich offensichtlich, auch eine völlig andere Persönlichkeit als ich. Was ich mache, ist viel intimer.“

Coppola weiß, dass sie ihre Karriere ihren Eltern verdankt. Sie ist nicht gerade ein wandelnder Anekdotenschatz, aber trotzdem spricht sie freimütig darüber, dass sie gelernt hat, „indem ich bei meinem Vater am Set war“ und „wie mein Vater uns immer Filme gezeigt hat“ und „über meine Mutter, die uns immer vorgebetet hat, wie wichtig Kunst sei. Es ist unser Familienunternehmen, unser Geschäft.“ Coppolas Bruder Roman ist ebenfalls Drehbuchautor und Regisseur, Nicolas Cage, wie Schwartzman sind ihre Cousins. Ihre Tante Talia Shire spielte Connie Corleone in der Pate-Trilogie, während ihre 28-jährige Nichte Gia Coppola 2013 ihren ersten Film Palo Alto herausgebracht hat. Drei Generationen, die intensiv in das Filmbusiness involviert sind.

Papa Coppolas Schwarz-weiß-Homevideo

Coppolas erster Leinwand-Auftritt, 1971, als Baby, das von Al Pacino alias Michael Corleone am Ende von Der Pate zur Taufe gehalten wird, war definitiv nicht ihre erste Kameraerfahrung. Ob ihre Geburt wirklich gefilmt worden ist? „Ja“, sagt Coppola, etwas peinlich berührt, „mein Vater hat sie gefilmt.“ Wie oft sie den Film schon gesehen hat? „Ich habe den Film schon lang nicht mehr gesehen. Ich hatte ihn schon fast vergessen. Er ist lustig, denn mein Vater lässt die Kamera fallen. Und es ist ein ganz normales, Schwarz-weiß-Homevideo.“ Ihren eigenen Kindern hat sie einen solchen Filmauftritt übrigens erspart. Die Geburt von Romy und Cosima hat sie nicht filmen lassen. Aber hätte sie es doch getan, dann garantiert mit opulenter Ausstattung und sorgfältig gewählter Filmmusik – und vermutlich mit Bill Murray in einer präsenten Nebenrolle: als Hebamme.

Derzeit arbeitet sie an zwei Drehbüchern, aber wirklich eilig hat sie es damit nicht. „Es ist hart, die Filme zu realisieren, an denen ich arbeite, denn sie sind allesamt nicht Multiplex-tauglich. Aber das ist ok, denn ich verbrate keine großen Budgets.“ Coppola behält lieber die Kontrolle über das, was sie tut, und fünf Filme in 16 Jahren beweisen das – von The Virgin Suicides bis zu The Bling Bling. Ob eines der neuen Drehbücher wieder in einem Hotel spielt? Nein.

Jonathan Dean / The Sunday Times / The Interview People

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