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Interview: Paul Divjak
31.05.2016
Paul Divjak c Rainer Hosch

Paul Divjak c Rainer Hosch

Interview: Paul Divjak

31.05.2016

Paul Divjak ist Autor, Medienkünstler und Kulturwissenschaftler. Im Rahmen des Wir sind Wien.Festivals transferiert er unter dem Motto „Im Prater blüh´n wieder die Bäume“ den Duft des Praters kurzerhand in die Wiener Innenstadt, in den Tuchlaubenhof. Er hat zahlreiche Essays und Romane publiziert, über Pop-Musik, Wildbäche und jetzt gerade über den „Geruch der Welt“. Als Duftpoet hat er schon internationale Museen in stinkende mittelalterliche Kloaken und den Art Space des Szene-Clubs Pratersauna in ein synthetisches Erdbeerland verwandelt. Den Tuchlaubenhof beduftet er mit  frisch geschnittenem Gras, Erde, Wald und Blumen.

Beruf Autor und Medienkünstler
Wohnt in Wien
Ist Experte für Düfte, Pop-Musik, Alpine Interventionen
Eigene Duftkreation Wienerin & Wiener von Welten


Praterduft im Tuchlaubenhof

Der beste Duft der Welt?
Weihrauch aus dem Oman, Frangipani aus Thailand, Speick aus den Alpen, der Geruch der Kindheit und der eines geliebten Menschen.

Wonach riecht Ihre Kindheit?
Nach einem Campingzelt im Sommer, nach regennassem Waldboden, nach Schwimmflügel und zerplatzten Seifenblasen.

Welcher Duft ist der Welt abhanden gekommen? 
Was uns fehlt, ist sinnliche Wahrnehmung ohne sofortige Schubladisierung, jenseits der Kategorisierungen von „das riecht gut“ und „das stinkt“. Damit beschäftige ich mich auch in meinem Buch „Der Geruch der Welt“: Es geht um eine Rückbesinnung auf den Geruchssinn und die Möglichkeiten des Denkens und der Sprache in Bezug aufs Riechen.

Es gibt tausende Parfums. Soll man sich durch alle durchprobieren oder lieber ein Leben lang bei einem einzigen bleiben?
Es ist wie mit Musik oder Filmen, mit Büchern oder Kunst: Es gibt so Vieles, das einen anspricht. Und Du wirst nie alles, das Dich anspricht, hören, sehen und lesen können. Und das eine richtige und auf Dauer passende Parfum zu finden ist vielleicht genauso unmöglich, wie der einen großen Liebe zu begegnen. Und hast Du Deinen Lieblingsduft erst einmal gefunden, verschwindet er vom Markt oder wird in veränderter Komposition neu aufgelegt. In meinem Fall war diese Tatsache auch ein großes Glück: Denn wäre die Produktion des Parfums meiner Jugend nicht eingestellt worden, hätte ich mich nie auf die olfaktorische Suche gemacht. Ich hätte nie mein Atelier in ein Duftlabor verwandelt und mich dem Nachdenken und Schreiben über das Phänomen des Riechens gewidmet.

Wenn es Ihnen stinkt, wohin ziehen Sie sich zurück?
Auf meine sprichwörtliche einsame Insel: Mein Atelier ist mir Kontemplations-, Phantasie- und Sehnsuchtsort, von dem aus ich Reisen in die unterschiedlichsten Welten unternehme.

Wo ist die Luft in Wien für Sie am besten?
Ich schätze den Geruch des warmen Winds in der Stadt. Ganz allgemein mag ich den Geruch von Wasser in Großstädten. Dort wo die Flüsse fließen, zieht´s mich hin. 

Warum transferieren Sie den Duft des Praters in den Tuchlaubenhof?
Mich fasziniert es, mit Gerüchen Atmosphären zu gestalten, Geschichten zu erzählen, Emotionen hervorzurufen und Fragen aufzuwerfen. Die Arbeit mit Gerüchen betrachte ich als olfaktorische Bildhauerei: unsichtbare Skulpturen aus tanzenden Molekülen. Es sind sich Werke, Stimmungsbilder, die sich verflüchtigen, sich, im wahrsten Sinne des Wortes, nach kurzer Zeit wieder in Luft auflösen. 

Welcher Duft ist typisch Wien? Wo finden Sie ihn?
Hier riechen die Pferdeäpfel am Stephansplatz, dort vermengen sich der Mannerschnitten-Schokoladegeruch und die Brauereiluft in Ottakring. Hier wird im Foyer des Hotel Bristol Terre d´Hermès verströmt wird, dort sorgen das Würstelstandfett oder die Rosen im Volksgarten für die Geruchsmarkierung. Wieder anderswo schwitzen Passagiere in der U6: die Bandbreite der Stadt ist groß. Spannend ist und bleibt das olfaktorische Amalgam aus verschiedenen Lebenswelten, der Facettenreichtum urbaner Ausdünstungen, der in „typische Geruchsbilder“ der Stadt mündet und viel über unseren Alltag, unsere Kultur erzählt.


Weitere Termine:
8.6., 17-19 Uhr, 1080, Österreichisches Museum für Volkskunde
22.6., 16-18 Uhr, 1220, Public Viewing Aspern Seestadt


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