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Interview: Camille Boyer
07.04.2016
Camille Boyer/Philipp Horak

Camille Boyer/Philipp Horak

Interview: Camille Boyer

07.04.2016

Die gebürtige Französin Camille Boyer ist seit 15 Jahren maßgeblich daran beteiligt, dass Wien aus dem modischen Dornröschenschlaf erwacht. Gemeinsam mit Marlene Agreiter gründete sie die Austrian Fashion Association, einen Knotenpunkt für Mode, Kunst und Business. In Zusammenarbeit mit creative headz haben sie das TAKE Festival for Independent Fashion and Arts entwickelt, das in der Alten Post die ganze Bandbreite gegenwärtigen künstlerischen Schaffens in Wien zeigen soll.

Beruf Modenetzwerkerin & Modeexpertin (& Mama)
Fördert junge Designer auf ihrem Weg in den Modeolymp
Lieblingskleidungsstück mein Pyjama (hofft immer noch auf mehr Schlaf)
Man trifft sie momentan im Büro, 24/7.


„Zeitgeist ist kein Trend“

TAKE – ist der Name auch eine Aufforderung zu kaufen?
Take ist natürlich nicht nur wirtschaftlich gedacht, es geht darum Eindrücke, Ideen zu bekommen. Aber es gibt während des gesamten Festivals auch einen Pop-up-Store.

Welche Brands und Designer werden da sein? 
Bei den Austrian Fashion Awards am 19. April werden die vielversprechenden Nominierten des Modepreises der Stadt Wien und des Bundeskanzleramts gezeigt. Etwa DMMJK, Leopold Bossert, Marie Oberkönig und Raphael Caric, aber auch die Gewinner des outstanding artist awards für experimentelles Modedesign des Bundeskanzleramts und des Wien Products Accessories Awards. Zwei Tage später werden fünf von departure geförderte Labels ihre Kollektionen präsentieren, darunter der international erfolgreiche Wiener Designer Arthur Arbesser, der seine Herbst/Winter Kollektion 2016 mitbringt, Femme Maison, Pia Bauernberger oder Sabinna, die im Februar 2015 bei der London Fashion Week debütierte.

Und auf welche Trends wird sich das Augenmerk richten?
Das ist schwierig zu sagen. Denn bei uns sind die Designer nicht so trendorientiert. Es geht weniger um kommerzielles Arbeiten als um Identität und Signature. Es geht um den Zeitgeist, würde ich sagen, aber Zeitgeist ist per se kein Trend. Es geht um neue Wege, Arbeitsprozesse, Nachhaltigkeit, Made in Europe und hohes Niveau in der Produktion und im Detail.

Ein weiteres Highlight unter dem Dach der Alten Post wird Parcours sein. 
Ja. Wir wollten ganz unterschiedliche künstlerische Zugänge haben – auch kritische. Fotografie, Film, bildende Kunst, Designer – wir haben über 30 selbständig arbeitende Künstler eingeladen, die sich mit dem Thema Mode auseinandersetzen. Zum Beispiel fungiert die Fotografin Elsa Okazaki bei einem Parcours-Projekt als Kuratorin: Sie hat Künstler mit jungen Designern verknüpft. Oder Adia Trischler und Violetta König: Sie haben Mode in der WU-Wien gestyled und fotografiert.

Ist Wien auf dem Weg seine eigene Modemetropole zu werden?
Davon gibt es eh schon genug. Wien hat eine andere, ganz starke Identität, die des künstlerischen, konzeptionellen, der Reflexion. Das wollen wir mit dem Festival zeigen.

Historisch gab es ihn einmal sehr ausgeprägt, den Wiener Stil. Entwickelt sich so etwas gerade wieder? 
Nein, das Ländergemisch in Wien ist zu stark, als dass sich der Wiener Stil herauskristallisieren würde. Wien ist anders als London oder Paris. Der Rhythmus ist ein anderer. Wien ist eine sehr bequeme Stadt. Das ist einerseits gefährlich, andererseits schafft gerade das den Künstlern und Designern eine gewisse Freiheit, Sachen anzustoßen, neu und anders zu denken, Ideen zu verwirklichen. Der Filmemacher Andrew C. Standen-Raz geht in seinem neuen Projekt CUT gerade dieser Frage nach.

Liegt es am Wiener an sich? Man sagt uns ja nicht gerade ein ausgeprägtes Modebewusstsein nach. Können sich die Wiener einfach nicht gut anziehen oder liegt es am mangelnden Willen zur Selbstdarstellung?
Man stellt sich hier durch andere Mittel dar. Mode hat nicht Priorität. Und der funktionelle Aspekt der Mode ist hier sehr stark. Das ist in Paris überhaupt nicht der Fall. Die Funktionalität ist hier gar nicht gefragt.

Warum?
Das hat mit der Geographie zu tun. In Paris geht man eben nicht in 20 Minuten in die Alte Donau zum Schwimmen oder in 30 Minuten in den Wiener Wald zum Wandern. Und auch das Klima spielt eine Rolle. In Paris habe ich immer super darauf geachtet, was ich trage. In meinen ersten Jahr in Wien waren meine Schuhe im ersten Schnee schon im Oktober kaputt. Und ich habe mein nettes Jäckchen recht bald gegen eine Daunenjacke getauscht.

Erreicht das Angebot die Konsumenten überhaupt? Viele würden gerne österreichische Labels kaufen, wissen aber oft gar nicht, wo sie anfangen sollen.
Ich sehe das wie den Biotrend vor 20 Jahren. Da musste man echt suchen, um Bioprodukte zu bekommen. Heute bekommt man sie überall. Auch wenn es noch nicht viele Geschäfte gibt, die österreichisches Design im Portfolio haben, es werden immer mehr, und ich freue mich darauf!


TAKE Festival for Independent Fashion and Arts
19. – 23. April 2016
ALTE POST, Dominikanerbastei 11, 1010 Wien.

Festival-Package inkl. aller öffentlicher Shows und Partys: 65€.
Tickets für die einzelnen Shows und Eintritte zum Festival:
www.take-festival.com


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