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Cyril Pigot-Kessler: Handtaschen verstehen
16.03.2016
Cyril Pigot-Kessler/Christie's Images Ltd 2015

Cyril Pigot-Kessler/Christie's Images Ltd 2015

(c) Christie's

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Christie's

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Cyril Pigot-Kessler: Handtaschen verstehen

16.03.2016

Handtaschen werden inzwischen gehandelt wie Kunstwerke. Sie sind begehrte Sammlerstücke, manch rarem Stück jagen Liebhaber über Jahre hinterher. Große Auktionshäuser haben eigene Abteilungen für die Versteigerung der ledernen Kostbarkeiten. Die erzielten Preise sind astronomisch. Wer das für unverständlich hält, sollte sich mit Cyril Pigot-Kessler unterhalten.


Wenn Pigot-Kessler von Handtaschen spricht, leuchten seine Augen. Das wirkt ein wenig ungewöhnlich, bei einem Mann. Er ist aber auch nicht irgendein Mann, der über irgendwelche Handtaschen spricht. Er ist Experte für Vintage und Accessoires beim renommierten Auktionshaus Christie´s. Ihm kann man – auch vermeintliche – Schätze zur Begutachtung vorlegen: Handwerklich meisterlich gefertigte Schuhe, Taschen, Tücher. Zum Termin mitgebracht hat auch er eine Selektion Handtaschen, die bei der nächsten großen Auktion in Paris bei Christie´s unter den Hammer kommen. Hierbei gehe es nicht um Geschmack, erklärt Pigot-Kessler, sondern um „echtes savoir-faire“ der Handwerker.

Handschrift der Handwerker

Anhand der Nähte kann Pigot-Kessler beispielsweise erkennen, ob es sich um einen Rechts- oder Linkshänder handelt, aber nur aufgrund der Verarbeitung die Tasche einem Täschner wie ein Bild einem Maler zuordnen zu können, so weit gehe das nicht. Die Handwerks-Ateliers von Hermès, Chanel oder Louis Vuitton sind eher mit Renaissance-Werkstätten wie jener Raffaels zu vergleichen. „Die Handwerker sind Ausführende der Entwürfe von Designern und Künstlern und treten hinter dem Werk zurück“, so Pigot-Kessler. Ihre Namen werden nur ungern genannt, veröffentlichte Fotografien von ihnen gibt es kaum. Das hat Gründe, denn für die Ateliers der verschiedenen Maisons sind sie unersetzlich und ihre Künste sind hochbegehrt. Daher ist man um Diskretion bemüht.
Seit der Gründung der Ateliers hat sich das Handwerk nicht wesentlich verändert. Für die Handarbeit sind die gleichen Werkzeuge wie einst, die gleichen Handgriffe vonnöten. Und die Handarbeit ist es auch, anhand derer der Experte die Echtheit und Herkunft einer Tasche erkennen kann. Die Entwürfe und Produkte sind aber natürlich auch hier dem Wandel der Zeit unterworfen, wenngleich das Modische eine untergeordnete Rolle spielt. „Wir sprechen hier von Luxus“, erklärt er, „Das geht weit über das Modische hinaus. Wer darin investiert, will etwas Bleibendes.“

Magie von Kunst, Handwerk und Natur

Perfekt gemachte Taschen huldigen der Natur. Pigot-Kessler nimmt eine pinke Birkin Bag aus Krokodilleder in die Hand. Sogleich stürzt eine Mitarbeiterin von Christie´s mit einem Sack weißer Baumwollhandschuhe herbei. Nach etwa zwei Minuten sorgsamen Hantierens ist dann die Tasche offen und entfacht bei Pigot-Kessler die Leidenschaft. „Dieses Pink ist nicht einfach Pink“, erklärt er, „es ist sehr selten, denn es schimmert leicht bläulich. Sein Schatten ist blau. Wenn Sie etwas Pinkes daneben stellen, sehen Sie, wie blau das Pink der Tasche ist. Es reflektiert blaues Licht. Es ist als ob die Tasche mehrere Farben hätte. Das ist der Grund, warum ich verrückt nach diesen Taschen bin.“ Pigot-Kessler zeigt auf die kleinen Punkte auf den Schuppen einer Krokodilledertasche, auch sie gehören dazu. Keine Fehler sind das, sondern Perfektion der Natur und die muss auch nach dem Färben sichtbar sein. „So eine Tasche vereint die Magie von Kunst, Handwerk und Natur. Das macht sie so lebhaft“, sagt der Experte.

Ein weiterer Grund für die Faszination, die von den Ateliers ausgeht, ist die lange Tradition in der Zusammenarbeit mit Künstlern. So kamen legendäre Entwürfe zustande und die Grenzen zwischen Antiquität, Gebrauchsgegenstand und Kunst verschwammen. „Diese Taschen“, so Pigot-Kessler, „sind viel mehr ein Stück Kunst als Kunsthandwerk.“ Etwa die Micro Kelly von Hermès, ein reines Sammelobjekt. Oder jene Stücke, die aus Eidechsenleder sind. Sie werden heute nicht mehr produziert. Oder die 1991er-Mini-Constance. „Und wenn Sie auf Ihrem Dachboden eine Art-déco-Clutch aus 1925-30 finden“, schwärmt Pigot-Kessler, „mit einer kleinen Uhr darauf – die sind zum Sterben schön!“ Man hüte sie wie einen Schatz oder mache sie zu viel Geld.

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