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Interview: Christian Lacroix
26.03.2016
Christian Lacroix/Thomas Lohr

Christian Lacroix/Thomas Lohr

Probenfoto Otello/Karl Forster

Probenfoto Otello/Karl Forster

Probenfoto Otello/Karl Forster

Probenfoto Otello/Karl Forster

Probenfoto Otello/Karl Forster

Probenfoto Otello/Karl Forster

Interview: Christian Lacroix

26.03.2016

Christian Lacroix ist nicht nur ein weltbekannter Modeschöpfer, er entwirft seit den 1980er-Jahren auch Kostüme für Opern-, Theater- und Ballettproduktionen. Anlässlich der Premiere von Giuseppe Verdis Otello, für die er die Kostüme entwarf, erläutert er in einem Interview mit den Osterfestspielen Salzburg, dass die Arbeit für den Laufsteg und die Opernbühne gar nicht so verschieden ist, wie man glauben könnte.


Sie haben einmal gesagt, dass es ein Kindheitstraum von Ihnen war, Kostümbildner zu werden. Warum hat es letztlich relativ lange gedauert, bis dieser Traum Wirklichkeit wurde?
Ich war als Kind von jeder Art von Darbietung fasziniert, von allem, was mich in Fantasiewelten und andere Epochen führte: armselige Straßentheater im Süden Frankreichs, Opernfestspiele im Sommer, Filme, jede Art von „Show“, auch Fernsehen – all das in den 1960er Jahren. Und ich habe immer eine Menge Skizzen angefertigt, Hunderte von Blocks voll, seitdem ich fünf Jahre alt war, bis heute, vor allem Kostüme, weit mehr als Mode. Ich war in meinen Dreißigern, als ich meine ersten Kostüme für die Opéra Comique in Paris und in Nantes gestaltete. Ich habe zunächst Latein, Griechisch und Kunstgeschichte studiert. Ich war 25, 26 oder 27 Jahre alt, als ich mein Studium abbrach und, dem Rat von Freunden aus der Modebranche folgend, begann, meine Entwürfe Leuten aus Modehäusern und Theatern zu zeigen. Herr Lagerfeld hat mich sehr ermutigt und mich seinen Freunden empfohlen, die am Theater arbeiteten. Aber der erste Job, den ich bekam, war bei Hermès als Praktikant im Jahr 1978 oder 1979. Und im Jahr 1981 wurde ich dann als künstlerischer Leiter an das Haus Jean Patou engagiert, das in den 1920er Jahren gegründet worden war. Alles ging damals sehr schnell! Ein paar Saisonen später sah ein Regisseur, Jean-Luc Tardieu, meine Couture-Modelle im Fernsehen und schrieb mir, er erkenne meine Zukunft als Kostümbildner in dieser Kollektion, und so bat er mich, für seine Inszenierung von Edmond Rostands Chantecler im Jahr 1986 in Nantes die Kostüme zu entwerfen.

Ist die Opernbühne mit dem Laufsteg zu vergleichen? Letztendlich sind beide eine Art von „Bühne“ mit „Darstellern“.
In gewisser Weise, ja. Insbesondere zu meinen Anfängen war Mode exzentrisch, extravagant, inspiriert von Bühnenheldinnen, Erzählungen und Filmen, von Literatur, historischen Figuren und Gemälden. Mode soll Menschen dabei unterstützen, ganz sie selbst zu sein, durch das Ideal eines Erscheinungsbilds: Sie zeigen ihre Persönlichkeit, indem sie eine Figur darstellen, die sie selbst wählen. In den 1980er und 1990er Jahren waren Supermodels Schauspielerinnen noch ähnlicher. Sie wollten die Inspiration dahinter und die Absicht der Kollektion kennen und verhielten sich auf dem Laufsteg entsprechend dem, was ihnen die Designer sagten. Das ist heute vorbei – aber es scheint bei einigen jungen Designern wiederzukehren.

Sie haben bereits die Kostüme für mehrere Verdi-Opern gestaltet, aber dies ist Ihr erster Otello. Wie nähern Sie sich dieser Oper als Kostümdesigner?
Ich bin kein Regisseur. Als Kostümbildner höre ich mir Stunden über Stunden an, was der Regisseur – in unserem Fall Vincent Boussard – im Sinn hat und mich fragt. Vielleicht sollte ich mich eines Tages selbst als Regisseur versuchen, mit meinem eigenen Ansatz, aber momentan trage ich lediglich dazu bei, die Auffassung und Fantasie der Regisseure zu veranschaulichen.

Ihre Haute Couture und Ihre Bühnenkostüme waren bislang elegant, oft recht opulent und farbenreich. Ihre Figurinen für Otello zeigen eine Dominanz dunkler Farben, Grau, Silber, altes Gold … Braucht eine dunkle Geschichte dunkle Bühnenbilder und Kostüme?
Schwarz ist die wahre Farbe, sie ist die Summe aller anderen Farben. Sie hat die Anmutung von etwas Scharfem und Dynamischem, wie eine Tinten-Skizze. Nur die erste Hälfte der Oper wird so dunkel sein, die zweite ganz in Rot, Orange und Fuchsia gehalten, mit Damast, Samt und Brokat. Wir haben viele Arten von edlen Stoffen dabei. Wir kombinieren alte Opernkostüme und Uniformen mit hochwertigem Taft, Samt und Satin, etwas Silber und Gold-Lamé, einige werden mit Neopren umsäumt, um grafische Konturen zu erzielen, dazu moderne Drapierungen, für eindrucksvolle Silhouetten.

Richten Sie Ihr Augenmerk bei der Gestaltung der Kostüme auf die Figuren Otello, Desdemona, Iago etc. oder deren Darsteller, also José Cura, Dorothea Röschmann, Carlos Álvarez?
Diesen Fehler habe ich als Anfänger gemacht: ausschließlich auf die Sichtweise des Regisseurs zu hören. Für Così fan tutte zum Beispiel wollte der Regisseur Fiordiligi, Dorabella, Ferrando und Guglielmo sehr jung – ziemlich moderne Jugendliche, halb nackt an einem italienischen Strand. Dann kamen wir darauf, dass die Besetzung hierfür weder das richtige Alter noch das entsprechende Profil oder Auftreten besaß. Für mich ist es heute unmöglich, Kostüme zu gestalten, ohne die Besetzung zu kennen. Sie müssen die Konturen, den Stil und die Persönlichkeit des Sängers oder Schauspielers im Auge haben, um an der Figur, die er spielt, arbeiten zu können. Schwierig wird es dann, wenn man es mit mehreren Besetzungen zu tun hat oder mit Repertoirestücken, die über viele Jahre von verschiedenen Künstlern gespielt werden.

Obwohl Details von Opernkostümen für das Publikum weit weniger sichtbar sind als bei Haute Couture in einer Modenschau, arbeiten Sie offenbar sehr detailgenau für jede einzelne Person auf der Bühne. Sind Sie detailverliebt?
Gefragt nach dem Unterschied zwischen Mode und Bühnenkostümen, habe ich stets geantwortet, dass Mode aus der Ferne unauffällig sein kann, aber aus der Nähe exquisit, besonders und raffiniert wirken muss, während Bühnenkostüme ausdrucksstark, grell und aus der Ferne hervorstechend sowie bei Weitem nicht so detailgenau ausgearbeitet sein müssen. Aber ich habe das Glück, in der Lage zu sein, mit den besten Häusern arbeiten zu dürfen wie der Pariser Oper, der Comédie-Française und jetzt in Salzburg, wo die Werkstätten derartige Fähigkeiten und Kenntnisse besitzen, dass sie mit den Materialien so umgehen können, wie das bei Couture der Fall ist. Infolgedessen kann ich für die Bühne genau so gestalten, wie ich das für Laufstege und Salons gewöhnt war. Ich denke, das sieht man aus der Ferne – und es ist auch viel besser so für die Künstler auf der Bühne.

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