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Auf eine e-Zigarette mit Leonardo DiCaprio
29.02.2016
Leonardo DiCaprio (c) Todd Williamson

Leonardo DiCaprio (c) Todd Williamson

Auf eine e-Zigarette mit Leonardo DiCaprio

29.02.2016

Leonardo DiCaprio scheut für seine Kunst keine Mühen, das weiß man, aber für den jüngsten Film „Der Rückkehrer“, der den Überlebenskampf eines Mannes erzählt, der von einem Bären zerfleischt wurde, hat er noch einmal eins draufgelegt. Er hat neunmonatige Dreharbeiten unter Extrembedingungen mit Regisseur Alejandro Iñáritu auf sich genommen und wurde dafür nach fünf Nominierungen soeben mit dem Oscar ausgezeichnet.


Es gibt eine Handvoll Eckdaten zu „Leo“ – wie die ganze Welt ihn nennt, als kenne sie ihn von kleinauf. Er ist 41, Sternzeichen Skorpion und der meistgebuchte männliche Hollywoodstar. Keiner kann es mit ihm aufnehmen, weder Tom Hanks, noch Tom Cruise, Brad Pitt, Johnny Depp oder Matt Damon. Wenn DiCaprio sagt, er wolle in einem Film mitspielen, dann wird er nicht nur gemacht, sondern er wird auch ein Erfolg. Allein die letzten drei Filme (Django Unchained, The Great Gatsby, The Wolf of Wall Street) haben zusammen 2,1 Milliarden Dollar eingespielt.

Er ist Umweltschützer, hinterlässt bei seinem Jetset-Lifestyle aber einen gigantischen ökologischen Fußabdruck. Er ist ein Partyboy, ein Playboy, einer, der sich nicht festlegen will und vielleicht seiner Freundin, dem Sports-Illustrated-Model Kelly Rohrbach einen Antrag gemacht hat; vielleicht hat er aber auch nicht. Aber über das alles zu sprechen hat DiCaprio keine Lust, als er sich, seine e-Zigarette paffend, mit schwerem Ächzen zum Interview ins Sofa plumpsen lässt.

Wer ist DiCaprio?

Ein bisschen etwas von all seinen Rollen steckt wohl auch im echten DiCaprio, aber „Leo ist ein Rätsel“, sagt sein Filmpartner in „Der Rückkehrer“ Tom Hardy, „er hat etwas Magisches.“ Für seine Rolle als verwundeter Trapper hat sich DiCaprio in Schnee eingraben lassen, ist nackt in eisiges Wasser getaucht, hat rohe Bison-Leber verspeist und sich in einen Pferdekadaver gelegt. „Schmerz ist vergänglich, Film ist für die Ewigkeit“, bei diesem Zitat huscht ein breites Grinsen über DiCaprios Gesicht. „Ich würde sagen“, zieht er an seiner ewig glimmenden e-Zigarette, „dieser Film war so etwas wie der Inbegriff davon.“

Vom kuscheligen Sofa im Luxushotelzimmer aus, gibt DiCaprio zu, fühle sich diese Erfahrung an wie ein großer, in Unschärfe getauchter Traum. Und er ist überzeugt, dass alle Qualen, denen er und seine Kollegen und die gesamte Crew sich willentlich ausgesetzt haben, einem höheren Zweck dienen. „Wir wussten alle, dass wir Teil einer ziemlich revolutionären Sache waren. Alejandro (Iñáritu, Regisseur; Anm.) hatte von Anfang an die außergewöhnliche Vision, einen Film zu machen, wie man ihn noch nie zuvor gesehen hat. So etwas bekommst du nicht, wenn du nicht alle Grenzen überschreitest.“ Weil Iñáritu und sein Kameramann Emmanuel Lubetzki ausschließlich mit natürlichem Licht arbeiten wollten, konnten gerade einmal eineinhalb Stunden pro Tag gedreht werden. Der Rest der Zeit wurde geprobt und wurden Szenen vorbereitet, die der Regisseur dann doch nicht verwendete, weil sie nicht absolut perfekt waren. „Nein, nein“, imitiert DiCaprio lachend Iñáritu, „da ist ein Fleck am Boden, der passt jetzt gar nicht auf Anschluss. So war das. Jeden Tag!“

Chronische Unzufriedenheit

„Ich war nicht der einzige“, kontert Iñáritu, „Leo ist, genauso wie ich, ein obsessiver Perfektionist und zu allem bereit, um das nächste Level zu erreichen. Ich denke, wir leiden an der gleichen Krankheit: chronische Unzufriedenheit!“
„Ich bin eben sofort unglücklich, wenn ich Dinge mache, für die ich keine Leidenschaft habe“, gibt DiCaprio zu, „dann habe ich das Gefühl, dieses Geschenk, Filme zu finanzieren, zu verschwenden. Sobald mein Name genügte, um einen Film entstehen zu lassen, schwor ich mir, nur mit Regisseuren zu arbeiten, die das Kino verändern, die etwas Wichtiges machen. Das begann eigentlich schon, als ich als Teenager bei Taxi Driver oder Apocalypse Now mitfieberte und mir sagte, eines Tages werde ich Teil von solchen Filmen sein.“

Schon in der Schule blühte DiCaprio vor Publikum auf. Und die Schauspielerei erschien ihm wie der Hauptgewinn. „Meine Gedanken drehten sich immer ums Geld, als ich aufwuchs“, sagt DiCaprio über seine Kindheit in East Hollywood. Seine Eltern trennten sich freundschaftlich ein Jahr nach Leos Geburt. Die Mutter Sekretärin in einer Anwaltskanzlei, der Vater handelte mit Underground-Comics, beide waren keine Großverdiener. „Ich habe mich immer gefragt, wie wir uns das alles leisten konnten“, sagt DiCaprio, „die Schauspielerei erschien mir die Abkürzung aus dem Chaos.“

Reisen mit „Mamarazzi“

Die Eltern unterstützen DiCaprios schauspielerische Ambitionen. Wenn DiCaprio von seinen Eltern spricht, wird er ganz pur. „Sie haben mir zugehört. Und sie haben mich bedingungslos unterstützt und mir das Gefühl gegeben, dass ich alle meine Träume verwirklichen kann. Ich weiß, dass viele Leute, die in viel besser gestellten Familien mit geordneteren Verhältnissen, nicht annähernd so viel Liebe erfahren haben wie ich.“ Einer der beiden, oder sogar beide, begleiten DiCaprio oft auf seinen Reisen. Dabei fotografiert ihn die Mutter so leidenschaftlich, dass er sie „Mamarazzi“ nennt.

DiCaprios großes Ziel hieß Martin Scorsese. Als er 2001 gerüchteweise von Scorseses „Gangs of New York“-Projekt hörte, setzte er alle Hebel in Bewegung, um Scorseses Aufmerksamkeit zu erregen. Wenn er von Scorsese spricht, leuchten seine Augen: „Marty ist der größte Regisseur unserer Zeit und er hat mich zwei entscheidende Dinge gelehrt: Erstens, es braucht viel Zeit und noch mehr Geduld, um einen guten Film zu machen, und zweitens, Film ist eine ebenso wertvolle Kunstform wie die Malerei oder Bildhauerei. Letztlich will ich Kunstwerke schaffen, die Bestand haben. Filme, die noch in 50 Jahren geschätzt werden.“

Chloe Fox / Telegraph Magazine / The Interview People

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